Das Diktat

Leseprobe aus “Heimreise in die Fremde”, erschienen bei ila, 2007

Schon wieder ein Diktat! Heute sind es Sätze. En la casa vesina ei una guaguita. Ich weiß nicht, was eine guaguita ist. Yo deceo ser un vuen alumno.
Jetzt muss ich an die Tafel, um diese Sätze zu schreiben. Warum ein U mit zwei Punkten bei guagüita? Im Deutschen ist das ein Buchstabe, der anders klingt, das Ü. Die Lehrerin meint wohl, ich mache keine Fortschritte. Ich antworte ihr nicht.
Ich wollte Deutschland überhaupt nicht verlassen. Aber meine Eltern waren auf die Liste aufgenommen worden und weinten vor Freude. Hier ist nichts, wie ich es mir vorgestellt habe. Es ist sehr kalt. Wir ziehen mit einem Paraffinofen von Zimmer zu Zimmer, aber das Haus wird nicht warm. Man kann die Dusche nicht einstellen, man wird entweder eingefroren oder verbrüht. Sie sagen, das ist ein Problem des Boilers.
Zusammen mit meinem Vater sind wir schon oft durch das Stadtzentrum gezogen. Wir suchen nach Bonbons der Marke Serrano, bis jetzt haben wir sie noch nicht gefunden. Für ihn müssen sie so etwas wie für mich Gummibärchen sein, die es hier nicht gibt.
Im Zentrum sind immer viele Leute. Sie kommen von den Metrostationen herauf und eilen in alle Richtungen. Abgesehen von einer roten Kirche und einigen Gebäuden, die die Plaza umgeben, ist alles Deutschland ähnlich. Araukaner habe ich noch nicht gesehen. Meine Eltern sprechen hier immer sehr leise, ich verstehe nicht, was sie sagen. Ich bleibe still. Ich mag keinen Ají.
Am meisten hasse ich diese Diktate. Sätze, die ich nicht verstehe oder die einfach blöd sind. Ich verwechsle das lange B mit dem kurzen V und das S mit dem C. Ich weiß nicht, was sie mit dem H machen, das sie nicht aussprechen. Wenn ich meine Sätze an die Tafel schreibe, lacht fast die ganze Klasse. Nachdem die Spanischlehrerin mit mir geschimpft hat, versucht sie, freundlich zu mir zu sein, aber im Grunde ist sie schuld. Ich antworte ihr nicht.
In der Pause spielen wir mit Kreiseln, die anders sind als die deutschen. Wieder lachen sie. Ich glaube, ich bin in dieses Land gekommen, damit alle über mich lachen.
Einige Lehrer machen sich Sorgen.
»Estoy segura de que puedes hablar«, beharrt die Lehrerin, die nicht die Spanischlehrerin ist. Sie ist sich wohl sicher, dass ich sprechen kann.
Aber ich schweige auf Spanisch und auf Deutsch.

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